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Vorfreude . Berlin vor der Fußballweltmeisterschaft 2006

Fotografieprojekt


Rasen, Bälle, Schwarz–Rot–Gold – bereits lange vor dem Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft 2006 kündigte sich das Sportereignis in einer Flut an Bildern vom Fußball–spielen und über den Fußball an. In Schaufenstern, Supermarktregalen und Werbespots, auf Plakaten, Fassadenbannern, mit Skulpturen und ephemerer Architektur begann die visuelle Einstimmung auf das Fußballfest. In Berlin wandelte sich das Bild der Stadt und die „Festdekoration“ bestimmte bereits vorab allerorts den öffentlichen Raum. Das Gefühl der WM wurde bereits inszeniert, bevor das Spielen eigentlich begonnen hatte: In Vorfreude auf das Fußball-Sommermärchen entwickelte sich eine Bildkultur zwischen liebevoller Dekoration und fantasievoller Fankultur, Marketing-Wahn, Fußball-Gigantomanie und Deutschtümelei. Das Fotografieprojekt „Vorfreude“ dokumentiert den Wandel des Stadtbildes und zeigt Bilder der teils skurrilen Blüten und der visuellen Inbesitznahme, die im Zeitraum eines Monats vor dem Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft in Berlin zu sehen waren.

Mit dem Konzept, jeden Tag mit digitalen Schnappschüssen die visuelle Fußballkultur einzufangen, um eine kritische Distanz zum Gesehenen zu gewinnen und sich damit selbst vor den visuellen Übergriffen und dem Werbegetöse zu wappnen, entstanden vom 9. Mai bis 9. Juni 2006 mehrere tausend digitale Fotos von Margarete Pratschke über Berlins „Vorfreude“ auf die Fußballwelt–meisterschaft.


Zum einjährigen Jubiläum der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft 2006 wird eine Auswahl an Fotos des Projekts gezeigt – ca. 500 Bilder wurden kleinformatig gedruckt und als Tableau in chronologischer Ordnung an die Wände gepinnt, ohne speziellen Fokus auf einzelne Bilder, dezidierte Sortierung nach Motiven oder die Inszenierung einzelner Fotografien. Vielmehr versucht die Präsentationsform ein sukzessives Nachvollziehen des massiven visuellen Wandels Berlins in zu einem Gesamtbild der kollektiven Vorfreude zu ermöglichen. Als dokumentarisches Projekt ist die Präsentation der Einzelbilder angelehnt an das Aufbewahrungsformat von Fotografien in klassischen Bildarchiven und Fototheken, wo Fotos für den wissenschaftlichen Gebrauch auf Pappen aufgezogen und mit Angaben zu Ort, Datum und Gegenstand ausgewiesen werden. Das Projekt „Vorfreude“ möchte damit eine Grundlage zur Diskussion bieten und zur Kritik an kollektiver Bildkultur anregen.

Der Wandel des Deutschlandbildes, die Stimmung, Begeisterung und Euphorie während der WM wäre ohne die subtile visuelle Einstimmung über die Fußball–Bilderflut der Marken und des Marketings im Vorfeld kaum möglich gewesen.

Margarete Pratschke (geboren 1974) ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung „Das Technische Bild“ am Hermann von Helmholtz–Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt–Universität zu Berlin.