Sie sind hier

SHOOT!

Fotografie existentiell

„Wie die Kamera eine Sublimierung des Gewehrs ist, so ist das Abfotografieren eines anderen ein sublimierter Mord – ein sanfter, einem traurigen und verängstigten Zeitalter angemessen.“ Susan Sontag

Anlegen, zielen, abdrücken, schießen, nachladen – wer ins Schwarze trifft, begeht fotografischen Suizid oder visuelles Harakiri. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg tauchte der sogenannte Fotoschuss als kuriose Attraktion auf Jahrmärkten auf. Die spielerische Herausforderung beinhaltet die verstörende Geste, angesichts der fotografischen Trophäe auf sich selbst angelegt zu haben. Welch‘ seltsame Faszination, sein eigenes Ego in eine Zielscheibe zu verwandeln, oder – um den Preis eines Bildes – der Versuchung zu erliegen, ein Duell mit sich selbst als Gegner auszutragen.

Nach Susan Sontag beinhaltet der Akt des Fotografierens etwas Räuberisches, das dem Menschen Gewalt antut. Man sieht ihn so, wie er sich niemals sehen kann. Fotograf und Betrachter erfahren vom Porträtierten etwas, dass ihm selbst verborgen bleibt – seine Verletzlichkeit, Wandelbarkeit und Sterblichkeit. Fotografieren als Memento Mori verwandelt Menschen in vergängliche Objekte. Beim Fotoschuss wird sogar der Schütze sein eigenes Objekt und löst seinen eigenen Tod aus.