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Optical Illusions

Contemporary Still Life

Gedeckte Tische, aufwendige Blumenarrangements, prunkvolle Kompositionen aus Büchern, Pokalen, Gläsern und Instrumenten zählen zu den bekannten Motiven des klassischen Stilllebens und gehören seit Jahrhunderten zum Kanon der europäischen Kunstgeschichte. Die einst kostbaren und symbolisch aufgeladenen Objekte sind zunehmend den Alltagsgegenständen gewichen. Inzwischen bilden Parfümflaschen, Murmeln, Kaubonbons, Haarshampoo, Starbucks-Becher und Pizza-Kartons die Objekte heutiger Stillleben.

Das traditionell malerische Sujet erlebt in der zeitgenössischen Fotografie derzeit eine Renaissance, wobei sich die Grenzen zwischen künstlerisch arrangiertem Stillleben auf der einen und kommerzieller Produktfotografie auf der anderen Seite immer weiter auflösen.

Schon Künstler der 1920er- und 30er-Jahre wie Man Ray, László Moholy-Nagy oder Florence Henri experimentierten im Studio mit der Kleinbildkamera und schufen neue Formen des Stilllebens, die sowohl als künstlerische wie auch als Werbefotografie verwendet wurden. Hans Hansen, dessen Ausstellung Still Life im Dialog zu Optical Illusions . Contemporary Still Life gezeigt wird, führte diese Herangehensweise ab den 1970er-Jahren als künstlerische Produktfotografie erfolgreich weiter. Heute gehören Werbe- und Produktfotografie zum visuellen Alltag unserer digitalisierten Gesellschaft, und damit ist auch das Stillleben für junge Künstler wieder ein attraktives Genre. So werden kunstvolle Arrangements über das abgebildete Sujet hinaus zum Experimentierfeld: Neue technische Möglichkeiten werden ausgelotet, visuelle Codes ad absurdum geführt und unsere Wahrnehmungsgewohnheiten in einer Zeit untersucht, in der Bilder zu machen und zu veröffentlichen für fast jeden zum Alltag geworden ist.

Die von Ann-Christin Bertrand kuratierte Ausstellung Optical Illusions . Contemporary Still Life bei C/O Berlin präsentiert mit Werken von Lucas Blalock, Annette Kelm, Antje Peters und Oskar Schmidt vier künstlerische Positionen, die das Genre nicht nur medial neu denken, sondern auch künstlerisch aktualisieren. Allen gemein ist ihre bestechende Präzision und strenge methodische Formalisierung, mit der sie bildnerische Konventionen auflösen. Indem sie sich einer Rhetorik und Ästhetik der Alltagsfotografie bedienen und gleichzeitig die Mechanismen der Herstellung von fotografischen Bildern hinterfragen, eröffnen sie neue Denk- sowie Wahrnehmungsräume und setzen sich mit den unterschiedlichen Bedingungen der digitalen Bildproduktion und den ästhetischen Normen der Fotografie neu auseinander.

Der amerikanische Fotokünstler Lucas Blalock veranschaulicht in seinen Arbeiten den Arbeitsprozess hinter fotografischen Bildern. Gleichermaßen an der Geschichte wie auch an den Möglichkeiten der Fotografie interessiert, bedient er sich zunächst der klassischen Studiofotografie mit analoger Großbildkamera, scannt anschließend die Negative ein und bearbeitet sie digital weiter. Statt diese digitalen Arbeitsprozesse zu verschleiern, belässt er sie jedoch nachvollziehbar, wodurch eigenartige Zwitterformen zwischen klassischer Objektdarstellung und deren totaler Verfremdung entstehen. Auf diese Weise reflektieren seine Arbeiten nicht nur zeitgenössische Produktionsmethoden fotografischer Bilder, sondern stets auch das Sehen und die hohe Komplexität fotografischer Realität.

Auch Annette Kelm geht es um die Annäherungen an unsere optische Wahrnehmung. Wie schon Elad Lassry oder Roe Etheridge auf die bildnerischen Konventionen der Werbefotografie zurückgreifend, wirken ihre Arrangements im Allgemeinen kühl und kalkuliert. Ihre Fotografien entstehen mit Mitteln der Industrie- und Werbefotografie. Statt jedoch ihre Gegenstände vor neutralem Fond freizustellen, macht Annette Kelm den Hintergrund meistens selbst zum Bildgegenstand. Was sich aus der Realität zu speisen scheint, wird hier zu einer formal ausgearbeiteten Hyperrealität umgebaut, die dabei ihre Lesbarkeit verliert. Aber gerade die strikte Orientierung an formalen Kriterien, der Verzicht auf erzählerische Elemente und die bewusste Irritation durch das Einfügen bildfremder Requisiten lässt den Betrachter ins Leere laufen. So werden ihre Fotografien zu neuen (Denk-)Räumen zwischen Präzision und Mehrdeutigkeit, Raum und Fläche sowie Gegenständlichkeit und Abstraktion.

Antje Peters’ Arbeiten folgen dem Konzept einer ganz bewussten Dekonstruktion der perfekten Hochglanzfotografie: Teure Kosmetikprodukte werden mit Filzstiften bemalt und zu einem amorphen Bündel mit Klebeband zentral ins Bild gesetzt, bunte Farbstifte mit einer Swatch-Armbanduhr zu einem Paket geschnürt. Ein verschüttetes Glas Wasser, exotische Früchte, Parfüm, Murmeln, Geldscheine und CDs werden mit Kaubonbons, Spielkarten und Haarshampoo eher chaotisch als perfekt choreografiert auf schwarzem Untergrund verteilt – immer geht es um das handwerkliche „Basteln“ hinter der perfekten, glatten und kühlen Erscheinung digitaler Produktfotografie. Gerade durch dieses künstlerische Aufbrechen bekannter visueller Strategien der Werbewelt werden Antje Peters Arbeiten bei C/O Berlin als raumgreifende Stillleben umgesetzt. Auf diese Weise balanciert ihre Präsentation der gerahmten Werke zwischen Schaufensterdekoration und Kunstinstallation.

Die klaren und streng reduzierten Bilder von Oskar Schmidt erinnern an klassische Tafelbilder. Sie sind das Ergebnis sorgfältiger Arrangements als auch digitaler Bildmanipulation und zeigen spiegelglatte Oberflächen, entrückte Objekte oder isoliert dargestellte Porträts. Schmidt bezieht sich dabei häufig auf Ikonen der Malerei- oder Fotografiegeschichte. Zugleich stehen seine Aufnahmen in direkter Referenz zur sogenannten „stock photography“ – makellose und massenhaft vorproduzierte Studioaufnahmen, die lizenzfrei und autorenlos auf digitalen Bilddatenbanken stehen oder über Agenturen kostenfrei abrufbar sind. Jedoch geht es Schmidt weniger um die perfekte Wiedergabe des Originals oder die Inszenierung des Objektes und der Figuren selbst, sondern um eine fotografische Übersetzung und deren künstlerische Variation. Mit seinen sachlichen und geradezu minimalistischen Fotoarbeiten entstehen somit Fragestellungen, die über die bloße Abbildungstechnik der Fotografie hinausgehen.

Lucas Blalock
1978 in Asheville, North Carolina (USA) geboren, lebt und arbeitet Lucas Blalock in New York. Nach einem Studium am Bard College in New York machte er zunächst einen Abschluss in der Skowhegan School of Painting and Sculpture in Skowhegan sowie einen Master of Fine Arts an der UCLA in Los Angeles. Seine Arbeiten wurden in Ausstellungen u. a. am Museum of Modern Art (MoMA), dem Walker Art Center in Minneapolis, Minnesota und dem Metropolitan Museum of Art in New York präsentiert. Er hat zahlreiche Künstlerbücher veröffentlicht, ist außerdem als Autor sowie Kritiker tätig und hat Interviews und Essays u. a. in Magazinen wie IMA, Aperture, Foam, Mousse und Objektiv publiziert.

Annette Kelm
1975 in Stuttgart geboren, lebt und arbeitet Annette Kelm in Berlin. Sie studierte an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. Ihr Werk hat diverse Auszeichnungen erhalten, u. a. den Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz (2015) und den Preis der ART COLOGNE für junge Kunst (2005). Annette Kelms Arbeiten befinden sich in namhaften Sammlungen internationaler Museen und Ausstellungshäuser, wie der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art (MoMA) und Solomon R. Guggenheim Museum in New York, der Kulturstiftung des Bundes, dem Kunsthaus Zürich sowie dem Centre Pompidou in Paris.

Antje Peters
1979 in Berlin geboren, lebt und arbeitet Antje Peters in Berlin. Seit ihrem Fotografie-Studium an der Kunstakademie in Utrecht arbeitet sie als selbständige Fotografin und Künstlerin. Neben der Veröffentlichung ihrer Arbeiten in verschiedenen Büchern, wie The Curator as Barman (Automatic Books) oder Illusion (Lodret Vandret), und Zeitschriften, wie L’Officiel, Numéro Homme Berlin, KaDeWe Magazin, Die Dame Magazin, Baron Magazine, waren diese in Ausstellungen im Museum Boijmans van Beuningen, Goethe-Institut und TENT in Rotterdam, Knoll Galerie Wien im Rahmen curated by_vienna, Amsterdams Centrum voor Fotografie sowie im Rahmen des European Month of Photography in Berlin zu sehen.

Oskar Schmidt
1977 in Erlabrunn geboren, lebt und arbeitet Oskar Schmidt in Berlin. Seine Werke waren zuletzt in verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen, wie im Fotomuseum Winterthur (2016), in der Aperture Foundation in New York (2014), der Zabludowicz Collection in London/ New York (2012), dem Museum für bildende Künste Leipzig (2011) und bei C/O Berlin (2009) zu sehen. Sie sind Teil bedeutender Sammlungen wie dem Center for Creative Photography, Tucson, der Staat­lichen Kunstsammlungen Dresden, der Daimler Art Collection, Stuttgart / Berlin, der UBS Bank Art Collection, Zürich sowie der Zabludowicz Collection, London.

Deutschsprachige Führungen immer Samstag und Sonntag 14 Uhr und 16 Uhr.