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07/11/15

Anton Corbijn . Talents 35

Anton Corbijn . Retrospektive

Im Scheinwerferlicht zu stehen, ist oft Maskerade, raffinierte Fassade und sorgfältig orchestrierte Darbietung. Folglich sind die Fotografien von Musikern, Künstlern und kulturellen Ikonen immer nur Bilder von der Oberfläche. Wirklich? Nicht im geringsten! Zwischen rauer Körnigkeit, spontaner Unschärfe und harten Kontrasten schimmern in Anton Corbijns Fotos eine tiefe Verletzlichkeit und große Vertrautheit hervor – flüchtige, vielschichtige und unendlich fesselnde Nuancen von Initimität. In den letzten vier Jahrzehnten haben seine Porträts das öffentliche Image und die visuelle Identität von oft sehr bekannten Persönlichkeiten geprägt. Wie jedoch sind diese Momente persönlicher Authentizität trotz kalkulierter Überhöhung und Selbstvermarktung innerhalb der Kulturindustrie überhaupt möglich? Anders als bei vielen Fotografen, liegt bei Anton Corbijn die Antwort in der Etablierung enger Beziehungen zu den Künstlern und deren Intensivierung über einen langen Zeitraum hinweg. Seine Bilder schießt er außerhalb des Studios, so dass das jeweilige Setting – so minimal es auch sein mag – eine immense Rolle für das finale Bild spielt.

Hikari . Talents 35 . David Favrod / Julia Katharina Thiemann

BAOUMMM, Tatatatata, Viuuu. Luftangriffe auf Kobe. In den letzten sieben Monaten des Zweiten Weltkrieges wird die japanische Großstadt zur Hälfte zerstört. Brand- und Splitterbomben verursachen enorme Schäden und fordern tausende Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie kommt zum Erliegen, das soziale Leben bricht zusammen. Danach kollektives Schweigen über Jahrzehnte hinweg. Vergangenheit wird begraben, Leiden unterdrückt, Aufarbeitung abgehakt. Wie jedoch kann die Erinnerung an eine individuelle und kollektive Katastrophe bewahrt werden? Wie können mündlich tradierte Erfahrungen im kulturellen Gedächtnis festgehalten werden? Und kann man sich fremde Erinnerungen leihen, um seine eigene Identität zu festigen? Der Fotograf David Favrod begibt sich auf die Spuren seiner Großeltern, die in Kobe Überlebende und Zeugen des Krieges sind. In seinem Bilderzyklus verarbeitet er seine Familiengeschichte, die er selbst nur aus Erzählungen kennt und die ihn unbewusst beim Heranwachsen geprägt hat. Mit seinen Fotografien stellt er Erinnerungen an Ereignisse nach, die er selbst nie erlebt hat, und lotet mit seiner künstlerischen Aneignung den schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität aus.


Foto: David von Becker

 

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