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C/O Berlin Talent Award 2018

Stefanie Moshammer . Andreas Prinzing

C/O Berlin freut sich den diesjährigen C/O Berlin Talent Award an die österreichische Künstlerin Stefanie Moshammer (*1988, Wien) zu vergeben und ihr Werk mit der Einzelausstellung Stefanie Moshammer . Not just your face honey vom 07. Juli 2018 bis 22. September 2018 bei C/O Berlin im Amerika Haus in der Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin zu präsentieren.

Stefanie Moshammer und ihre Arbeit konnten die diesjährige Jury, bestehend aus Diane Dufour (LE BAL, Paris), Shoair Mavlian (Tate Modern, London), Aaron Schuman (freier Kritiker und Kurator, London), Anne-Marie Beckmann (Deutsche Börse Photography Foundation) und Ann-Christin Bertrand (C/O Berlin) als außergewöhnliches Beispiel für eine aktuelle Auseinandersetzung im Diskurs zum Thema New Documentary Photography überzeugen. Die Gewinnerin erhält eine Einzelausstellung bei C/O Berlin und damit die Möglichkeit, ihr Werk einer breiten Öffentlichkeit auf internationalem Niveau zu präsentieren. ARTE wird den C/O Berlin Talent Award und die Ausstellung der Preisträgerin als Medienpartner begleiten.

 

Für die Shortlist wurden Sylvain Couzinet-Jacques (*1983, Frankreich), Joscha Steffens (*1981, Niederlanden), Stephan Bögel (*1983, Deutschland) sowie Mafalda Rakoš (*1994, Österreich) ausgewählt.

 

Stefanie Moshammers Fotografie ist ein Gefüge aus unterschiedlichen Medien, mit der sie die Komplexität unserer heutigen Wahrnehmung beleuchtet. Basierend auf vorhandenem Material, entwickelt sie eigene Fotografien, kartiert Bilder über Google Maps und verwendet Film-Footage, aber auch Video und fiktive Aufnahmen sowie Bilder aus ihrer Imagination. Damit schafft Stefanie Moshammer nicht nur neue Formen der Dokumentation, sondern vereint fiktionale sowie erzählerische Momente und berührt somit grundlegende Themen der Fotografie: Was ist Realität? Was ist Fiktion? Und welche Wahrheiten vermittelt das fotografische Bild?

 

Gewinner*in
Stefanie Moshammer ist 1988 in Wien geboren, lebt und arbeitet in Wien. Nach ihrem Abschluss an der Modeschule der Stadt Wien absolvierte sie an Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz ihren Bachelor of Arts in Visuelle Kommunikation und Fotografie sowie ein Studium zum Fotojournalismus an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus. Neben der Nominierung im Rahmen des Festival Rencontres d’Arles, der Auszeichnung als Talent des FOAM Fotografiemuseum Amsterdam sowie der Nominierung für den ING Unseen Talent Award der Unseen Photo Fair in Amsterdam erscheinen ihre Fotografien in zahlreichen Magazinen, wie i-D, Collector Daily, GUP Magazine, It’s Nice That, ZEITmagazin, New York Magazine, FOAM Talent Issue, VICE uvm.

Andreas Prinzing
(*1980 in Mainz) studierte Kunstgeschichte und arbeitete an der Kunsthalle Mainz und am Museum Ludwig, Köln. Seit 2015 ist er u.a. als Assistent des Ausstellungsmachers Kasper König tätig und war in die Planung der Skulptur Projekte Münster 2017 involviert. Mit einem Bein weiterhin im Rheinland, betreut er parallel die Peill-Stiftung am Leopold-Hoesch-Museum in Düren, wo er zuletzt Ausstellungen mit Haris Epaminonda und Rana Hamadeh kuratierte. Seine Texte sind u.a. erschienen in Eyes on the City: Urbane Räume in der Gegenwartsfotografie (Salzburg, 2012), Unbeugsam und Ungebändigt – Dokumentarische Fotografie um 1979 (Köln, 2014) und Skulptur Projekte Münster 2017 (Leipzig, 2017). Er schreibt regelmäßig für Camera Austria. Andreas Prinzing lebt und arbeitet in Berlin.

Shortlist
Sylvain Couzinet-Jacques’ Sichtweise ist stets eine Reflexion über die Fotografie und ihren Abbildcharakter. Die Einbeziehung visueller künstlerischer Strategien und die medienübergreifende Denkweise bildet einen fundamentalen Teil seiner Praxis. Völlig gleich, ob die Immobilienkrise in Spanien, die Aufstände des militanten Schwarzen Blocks bis hin zu seinem Langzeitprojekt über das historische Gebäude Eden in North Carolina, welches er im April 2010 für 1.000 US-Dollar erwarb – die Arbeiten von Couzinet-Jacques setzen sich immer wieder mit den Themen Besitzverhältnisse, ökonomische Missstände, Kollektiv und Kapitalismus auseinander. Gerade die Auseinandersetzung mit dem kleinen 1884 als Schulgebäude errichteten Haus Eden unterstreicht historische Fragen in seinem Werk. Im Rahmen des Förderprogramms der Hermès Foundation und der Aperture Foundation wurde es nach seinem Ankauf renoviert und knallrot lackiert. Seither bildet es Leitmotiv und Inspirationsquelle seiner Arbeit, die er obsessiv mit seiner Kamera dokumentiert. Im Sinne einer eigenen Form der bildnerischen Erzählung kombiniert und integriert er analoge Fotografie, Polaroids, Videomaterial, Objekte und historische Dokumente gleichermaßen wie skulpturale Elemente und produziert auf diese Weise neue visuelle Zeugnisse. 

1983 in Sens geboren, lebt und arbeitet in Paris. Sylvain Couzinet-Jacques absolvierte die École Supérieure des Beaux- Arts de Marseille (2010) und die École Nationale Supérieure de la Photographie in Arles (2012). Seine Arbeiten wurden u. a. im Le BAL in Paris, im Rahmen des Fotofestival Mannheim-Heidelberg-Ludwigshafen und in der Galerie Particulière in Paris sowie Brüssel präsentiert. Couzinet-Jacques war Stipendiat am Centre Photographique d’Ile-de-France in Paris (2015) und im Programm der Cité Internationale des Arts Artist in Residence in Paris (2014–2016). 2015 war er Preisträger des ersten “Immersion” Award der Fondation d’entreprise Hermès und der Aperture Foundation. Sein erstes Buch Eden (2006) entstand in Zusammenarbeit mit Fred Cave und ist bei Aperture erschienen. Sylvain Couzinet-Jacques ist Mitglied der French Academy Casa de Velàzquez in Madrid (2017–2018).

Joscha Steffens Fotografien und Videoarbeiten sind Bilder, die sich zwischen Dokumentation, Realität und Fiktion bewegen. Oft behandeln sie Formen von gespielter und inszenierter Gewalt. Reale Kriegsspiele mit Airsoft-Waffen oder digitale Parallel-Welten und virtuelle Schlachten, die in Echtzeit am Bildschirm für ein Millionenpublikum zu verfolgen ist. Dabei agiert Steffens nicht nur als Fotograf und stiller Beobachter, sondern ist auch immer wieder selbst Mitspieler. Für sein jüngstes Projekt Teen Spirit Island (2015) folgte er mehr als drei Jahre lang jungen Gamern der League of Legends – jenen Spielern, die an der Spitze der Gaming-Hierarchie stehen, in Gaming-Häusern leben, wie Popstars durch die Welt touren und durch das professionelle Computerspielen viel Geld verdienen. In der Dunkelheit versunkene Gesichter, hoch konzentriert und ausschließlich durch grelle Monitore angeleuchtet – neben dieser Porträtserie der Pro-Gamer der MOBA (Multiple Online Battle Arena) entstand einige Jahre zuvor die Reihe OPFOR – Wildboyz I–III (2011/12). Hierbei stellt Steffens ebenfalls Personen dar, die sich in einem realen Umfeld befinden, in militärischer Uniform gekleidet sind und in den Kampf gegeneinander antreten. Die Akteure sind Veteranen russischer Streitkräfte, die sich in paramilitärischen Gruppierungen organisieren und ein physisches Kampftraining in Form von „Wochenendspielen“ absolvieren. Somit betreiben sie eine private Reanalogisierung der immer virtueller und auf Distanzwaffen beruhenden Kriegsführung. Mit dieser Vermischung von virtueller und realer Welt entstehen Mischwesen aus Mensch und Avatar. Mit seinen Bildern verdeutlicht Joscha Steffens die Komplexität und Kraft des fotografischen Bildes über seine Grenzen der bloßen abbildenden Funktion der Wirklichkeit hinaus.

1981 in Waiblingen geboren. Steffens schloss sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ab und absolvierte das Postgraduierten-Programm der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Arbeiten waren im Rahmen der Unseen in Amsterdam (2016), den RijksOpen der Rijksakademie van beeldenden Kunsten in Amsterdam (2016), der Fabrica Braco de Prata in Lissabon (2014), in der DZ Bank Kunstsammlung in Frankfurt am Main (2014), dem Kunstverein Heidelberg (2014) sowie beim Vienna Photobook Festival (2014) zu sehen. Steffens ist Resident Artist an der Rijksakademie van beeldenden Kunsten, erhielt ein Projektstipendium der KDFS (2016) und ist Preisträger des Großen Kunstpreises der Freunde der KHM in Köln (2016).

Stephan Bögel nimmt den Betrachter mit seinen Bildern auf eine fotografische Spurensuche, in der er auf verschiedene Stilmittel der Dokumentar- und Reportagefotografie zurückgreift. Durch Auswahl, Manipulation und (Re-)Kombination von Bildern sowie die Integration von vorgefundenem Material und Text schafft Bögel neue Ebenen der Bilderzählung. Artifiziell ausgeleuchtete Wälder, eine ausgestopfte Eule, Zweige im Dunkeln, Ausschnitte einer abgelegenen Ortschaft, graue Häuser, Vorgärten, Ein- und Ausfahrten, Garagen und Autos, vergangene Bilder aus dem Familienalbum im Wechselspiel mit grobkörnigen farbig leuchtenden Landschaftsaufnahmen von den Canyons und der Wüste des US-amerikanischen Bundesstaates Utah – Stephan Bögels jüngstes Fotobuch Scenic Utah (2016) ist eine Auseinandersetzung mit dem Suizid seines Vaters. Zwischen eigenen und fiktionalen Fotografien, die manchmal wie Postkartenmotive wirken, ordnet er Textfragmente und Ausschnitte aus Polizeiakten ein. Jenseits des dokumentarischen Charakters der Fotografie kreiert er somit eine andere visuelle Dramaturgie und neue Formen der Narration, die den aktuellen Diskurs um das fotografische Bild auf ganz eigene Weise berühren.

1983 in Münster geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er machte sein Diplom in Wirtschaftsinformatik 2011 an der Technischen Universität Dresden und begann eine Promotion. Neben Fotografie beschäftigt er sich mit Videoinstallationen und erhielt 2012 einen Lehrauftrag für interaktive Videoinstallationen an der Filmuniversität Babelsberg. 2013 nahm er ein Studium der Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin auf, wo er 2016 seinen Abschluss in der Klasse von Werner Mahler machte. Sein Werk wurde zuletzt für den Landskrona Dummy Award (2017) nominiert, im Fotohaus in Arles sowie im Rahmen des European Month of Photography in Berlin (2016) präsentiert. 

Mafalda Rakoš arbeitet dokumentarisch und hinterfragt gesellschaftlich relevante – häufig heikle Themen. Sie reichen von der Porträtierung der Schüler des Lycée de Kafountine im Senegal mit dem Titel Il y’a des jours sombres (2012), der Beschäftigung mit dem Nahostkonflikt in ihrer Serie 3rd Generation (2013) bis hin zum Thema Essstörung als lebensbedrohliche Krankheit vieler junger Mädchen in den Bildern I want to disappear—Approaching Eating Disorders (2015). Im Mittelpunkt dieser Arbeiten steht der Mensch, seine Identität und sein Körper, dem sie fotografisch nachgeht. Meistens begleitet sie die Protagonisten über viele Jahre, um eine intime Perspektive zu schaffen und eine persönliche Beziehung zu den dargestellten Personen aufzubauen. Mit ihrem narrativen und journalistischen Ansatz klärt sie zwar auf, ohne aber belehrend zu sein. Dabei denkt sie stets über das Medium hinaus und collagiert ihre Bilder mit Texten, Zeichnungen und Objekten. So fordert Mafalda Rakoš die Formen der dokumentarischen Fotografie immer wieder neu heraus. 

1994 in Korneuburg, Österreich geboren, lebt und arbeitet in Den Haag und Wien. Rakoš absolvierte ihr Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Sie studiert aktuell an der Royal Academy of Art in Den Haag. Ihre Arbeiten waren Teil internationaler Gruppen- und Einzelausstellungen. Sie war Stipendiatin des Nachwuchsprogramms der Salzburger Sommerakademie (2013), Zweitplatzierte des Dummy Award in Kassel (2014) und für die Shortlist des European Publishers Award for Photography (2014) nominiert. Rakoš war zuletzt Artist in Residence der CACP Villa Perochon in Niort und erhielt das Förderungsstipendium der Akademie der bildenden Künste Wien (2016).