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Lives of the Unholy

Talents 34 . Krzysztof Pijarski / Annika K. Kuhlmann

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Vergessen macht sich breit. Es geht voran!“ Fehlfarben

Verbannte Helden, leere Sockel, verlassene Plätze, abgerissene Denkmäler – die Metropolen des ehemaligen Ostblocks sind voll von Spuren vergangener Utopien und politisch-gesellschaftlicher Transformation. Die einstigen Heiligen des Kommunismus wurden entweiht, die einstige strahlende Idee des Sozialismus schnell begraben. Im Alltag übrig geblieben sind urbane Leerstellen, architektonische Ruinen und städtebauliche Narben. Was wurde aus dem Stadtbild entfernt? Was in die Gegenwart mitgenommen – und aus welchen Gründen? Der polnische Fotograf Krzysztof Pijarski hat sich in seiner Heimatstadt Warschau auf Spurensuche begeben, um das Phänomen der Zerstörung von Monumenten in Polen nach dem Ende des Kalten Krieges zu untersuchen. Aus eigenen Fotografien heutiger Plätze und abfotografierten Archivaufnahmen fertigt er Montagen an, die unterschiedliche Zeitebenen visualisieren und das Gewesene in ihrer heutigen Absenz sichtbar machen. Mit seiner visuellen Archäologie schafft der Fotograf ein Archiv der Orte, an denen sich die Ästhetik des Verschwindens tief in das physische und symbolische Gewebe der Stadt eingeschrieben haben.

Aufbau, Aufbruch und Neuanfang wechseln sich in der Geschichte zyklisch ab mit Niedergang, Zerstörung und Zusammenbruch. Die ideologischen Gezeitenwechsel manifestieren sich im Abreißen der Monumente und Denkmäler der jeweils vorherigen Epoche und Gesellschaftsordnung sowie der Verwischung ihrer Spuren. Sie sind Symptome gesamtgesellschaftlicher Abwehrmechanismen gegen die unerträgliche Vorstellung der eigenen Historie. Sie sind Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, die zur symbolischen Wiedergutmachung an der „geschändeten“ Gesellschaft werden. Um ein gesellschaftliches Fortbestehen nach der Krise zu ermöglichen, wird die Verwerfung der eigenen Geschichte nahezu unmittelbar und möglichst vollständig vollzogen – so wird eine ganze Epoche vorerst zur Fußnote.

Krzysztof Pijarski lenkt seinen Fokus auf die Brüche, Wunden und Diskontinuität, auf einen klaren Blick für das Dazwischen und vervollständigt dadurch das Gesamtbild mit einer ungewöhnlichen, wichtigen Perspektive. Er erforscht eine Zone des Übergangs, da der etablierte Grund der Gesellschaft schon aufgelöst, der neue jedoch noch nicht etabliert ist. Eine Art Interregnum im Prozess der Gesellschaftsbildung, in dem die zentralen Orte buchstäblich leer stehen, um neu besetzt zu werden. Damit zeigt er, dass Historie lediglich eine Montage der Gegenwart ist und der Umgang mit Geschichte viel über die jetzigen Zustände aussagt. Das Verschwinden unliebsamer Erinnerungen und Trugbilder einer gewissen Zeit führt nicht nur zu einer Enthistorisierung, sondern auch zu einer Entrealsierung – zu temporärer Auslöschung der eigenen kollektiven Identität.

Krzysztof Pijarski arrangiert Bildtafeln zu visuellen, geschichtlichen Bühnen, auf denen unterschiedliche Zeiten und Räume zusammentreffen und sich irritierende Raum-Zeit-Schichtungen ergeben. In einer komplexen Vermittlungsstrategie, im Rückgriff auf Erinnerungen, Zeitmontagen und räumlichen Anordnungen, verleiht er dem über Jahre gesammelten Material Form. Die Bildkonstellationen ergänzt er mit Legenden, die historische Hintergrundinformationen liefern und Aufschluss geben darüber, wie die Bildtafeln zu lesen und unter welchen Gesichtspunkten die Bilder und vor allem ihre Montage zu betrachten sind. Zusätzlich zu zeitlichen Verschränkungen arbeitet Krzysztof Pijarski mit unterschiedlichen Techniken der räumlichen Überlagerung. Mehrere Perspektiven eines Ortes werden derart ineinander verschoben und übereinander gelegt, dass sie auf den ersten Blick zu einer Ansicht zusammenwachsen und die verschiedenen Bildschichten nahezu organisch miteinander zu verschmelzen scheinen.

Krzysztof Pijarski, geboren 1980, studierte Fotografie an der Akademie der Künste in Poznan und machte seinen Masterabschluss an der Polnischen Nationalschule für Film, Fernsehen und Theater in Lodz, wo er jetzt unterrichtet. Desweiteren promovierte er zum Thema „Archäologie des Modernismus. Michael Fried und die moderne Erfahrung der Kunst“. Seine Arbeiten wurden in Salzburg, Warschau, Krakau, Poznan und Prag ausgestellt. Er ist außerdem Redakteur der Zeitschrift View. Theories and Practices of Visual Culture. Krzysztof Pijarski lebt und arbeitet in Warschau.

Annika K. Kuhlmann, geboren 1985, studierte internationale Beziehungen und Fotografie an der Columbia Universität, New York, und Medientheorie am Institut für Time Based Media der UdK, Berlin. Sie schreibt über zeitgenössische Kunst und Theorie und arbeitet regelmäßig für das HKW (Haus der Kulturen der Welt), wo sie unter anderem für FORMER WEST: Documents, Constellations, Prospects (2013) gemeinsam mit Boris Buden den Learning Place entwickelte und kürzlich die Ausstellung Eine Einstellung zur Arbeit. Ein Projekt von Antje Ehmann und Harun Farocki (2015) realisierte. Annika K. Kuhlmann lebt und arbeitet in Berlin.