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C/O Berlin Talent Award

Sylvain Couzinet-Jacques . Sub Rosa

C/O Berlin präsentiert vom 07. Dezember 2019 bis 29. Februar 2020 die Ausstellung Sylvain Couzinet-Jacques . Sub Rosa des diesjährigen Gewinners des C/O Berlin Talent Award. Die Eröffnung findet am Freitag, den 06. Dezember 2019, um 19:00 Uhr im Amerika Haus in der Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin, statt.

Öffentliche Führungen . 
Sa + So und Feiertage. 14:00 + 16:00 (Deutsch) . 18:00 (Englisch)
Public Guided Tours . Sat + Sun and holidays . 2:00 p.m. + 4:00 p.m. (German) . 6:00 p.m. (English)

Der Arco de la Victoria ist ein Triumphbogen im Nordwesten von Madrid. In den 1950er-Jahren wurde er unter Francisco Franco zum Gedenken an den Sieg über die republikanischen Truppen im spanischen Bürgerkrieg errichtet. Bis heute steht der 40 Meter hohe Bogen als Zeichen für den spanischen Faschismus. Jenseits der touristischen Hauptrouten gehört er längst zu den vergessenen Monumenten der Stadt. Zwischen einem mehrspurigen Kreisverkehr an der A6 gelegen, stellt er mittlerweile mehr eine Ruine als ein historisches Wahrzeichen dar. Und wie viele Plätze und Orte im öffentlichen Raum dient er heute als Treffpunkt für Jugendliche. In seiner jüngsten Arbeit Sub Rosa (2017–2019) macht der französische Künstler Sylvain Couzinet-Jacques den Bogen zum Schauplatz seines Werkes. Die raumgreifende Video-Sound-Installation erweitert einen dokumentarischen Ansatz ins Konzeptuelle: Couzinet-Jacques’ stark verlangsamtes Slow-Motion-Video changiert zwischen bewegtem und unbewegtem Bild, zwischen Film und Fotografie. Aufgeteilt auf mehrere unabhängig voneinander editierte Filmspuren bricht Sub Rosa jede lineare Narration auf. Die Länge des Videos entspricht exakt den Öffnungszeiten von C/O Berlin und webt sich so in den realen Tagesablauf vor Ort ein. Bei jedem Ausstellungsbesuch werden stets individuelle und unterschiedliche Sequenzen der Arbeit zu sehen sein.

Im Zentrum des Werks stehen junge Menschen. Sie reden, lachen, schauen gelangweilt in die Ferne, rauchen und skaten, flirten, chatten oder surfen auf ihren Smartphones. Sie tragen Caps, Hoodies, T-Shirts, Sneakers und Socken der großen Marken wie Adidas, Puma und Nike. Close-Up-Aufnahmen der Jugendlichen kombiniert der Künstler mit Bildern des Triumphbogens und vom Autoverkehr sowie den fahrenden Bussen im rot-orange-violett leuchtenden Abendlicht. Diese alltägliche Szenerie übersetzt Couzinet-Jacques in ein abstraktes Bild der Jugend: Losgelöst von den jungen Heranwachsenden, die in der spanischen Hauptstadt leben, wird die Adoleszenz als Lebensphase der Zerrissenheit, der Oberflächlichkeit, des Narzissmus, der Einsamkeit und der Widersprüche inszeniert. Zugleich wird dieses Bild enttarnt – als kommerzielles Instrument der großen Modeimperien zur Vermarktung ihrer Produkte. Sub Rosa schafft über die Auseinandersetzung mit einem ausgewählten sozialen Milieu einen erweiterten Erfahrungsraum, der Fotografie zum Film, Dokumentation zur Illusion und distanzierte Beobachtung zum teilnehmenden Erlebnis ausdehnt.

Sylvain Couzinet-Jacques ist Preisträger des C/O Berlin Talent Award 2019. Couzinet-Jacques war bereits im letzten Jahr nominiert und stand auf der Shortlist des C/O Berlin Talent Award 2018. Seine herausragende künstlerische Handschrift und kontinuierliche Weiterentwicklung zeigt sich erneut in seiner jüngsten Arbeit Sub Rosa (2017–2019), welche die Jury durch ihre zeitgenössische Sichtweise, dokumentarische Bildsprache und intelligente Verschränkung verschiedener Medien überzeugt hat. Couzinet-Jacques erhält ein Preisgeld von 7.000 Euro und wird mit der Einzelausstellung Sylvain Couzinet-Jacques . Sub Rosa bei C/O Berlin geehrt.

Zur Ausstellung erscheint eine begleitende Publikation bei Spector Books, Leipzig, herausgegeben von Kathrin Schönegg für die C/O Berlin Foundation, mit Texten der parallel ausgezeichneten Kritikerin Mira Anneli Naß.

Sylvain Couzinet-Jacques (*1983 in Sens, Frankreich) lebt und arbeitet in Paris. Er absolvierte die École Supérieure des Beaux-Arts de Marseille (2010) und die École Nationale Supérieure de la Photographie in Arles (2012). Seine Arbeiten wurden u.a. im Le BAL in Paris, beim Fotofestival Mannheim-Heidelberg-Ludwigshafen und in der Aperture Foundation in New York präsentiert. In 2015 war Couzinet-Jacques Stipendiat am Centre Photographique d’Île-de-France in Paris und von 2014–2016 Artist in Residence im Programm der Cité Internationale des Arts in Paris. 2015 wurde er mit dem ersten Immersion Award der Fondation d’entreprise Hermès und der Aperture Foundation ausgezeichnet. Sein erstes Buch Eden (2016) entstand in Zusammenarbeit mit Fred Cave und ist bei Aperture erschienen. Das Projekt Sub Rosa wurde während der Artist Residency (2017—2018) von Sylvain Couzinet-Jacques an der French Academy Casa de Velázquez in Madrid initiiert und vom Centre national des arts plastiques und der Fondation des Artistes gefördert. Er wurde jüngst als Foam Talent 2019 des Fotomuseum Amsterdam ausgezeichnet.

Mira Anneli Naß (*1989 in Schwäbisch Hall) studierte Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft in München und Florenz sowie Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet sie seit 2019 an der Universität Bremen im Fachgebiet Kunstwissenschaft und Ästhetische Theorie. Dort forscht sie zu ihrem Dissertationsprojekt, das sich künstlerischen Narrativen von Überwachung und Macht widmet. Zu ihren jüngsten Publikationen gehören A Complete Negation of our Time. The Photo Book „Bäume“ by Albert Renger-Patzsch and Ernst Jünger in PhotoResearcher 31 (2019) und Krupp’sche Panoramen als Sichtbarkeitsdispositiv. Visuelle Strategien der Narration von (industrieller) Macht in kritische berichte 4 (2018). Mira Anneli Naß lebt und arbeitet in Bremen.

C/O Berlin Talent Award
Seit 2006 fördert die C/O Berlin Foundation mit ihrem Nachwuchsprogramm angehende Künstler*innen und Kunstkritiker*innen, die sich mit dem Medium Fotografie auseinandersetzen. Mehr als 80 junge Talente wurden seither mit Ausstellungen und Publikationen unterstützt und einem breiten Publikum vorgestellt, darunter die Fotokünstler*innen Stefanie Moshammer (2018), Sebastian Stumpf (2008) und Tobias Zielony (2007) sowie die Kritiker*innen Andreas Prinzing (2018), Katja Müller-Helle (2012), Steffen Siegel (2009) und Florian Ebner (2006).