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Viktoria Binschtok

Marriage is a Lie / Fried Chicken

Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto. Immer. Es ist keine Repräsentation von Realität, sondern nur visuelle Referenz an eine individuell erlebte Gegenwart und Ausgangspunkt für neue Assoziationen. Im fotografischen Abbild sucht der Betrachter vertraute Muster, nimmt bekannte Farbgebungen wahr, vergewissert sich über den Kontext und konstruiert so sein eigenes Bild mit neuer Bedeutung. Dieser komplexe Prozess der Rezeption wurde oft genug untersucht. Soweit, so bekannt. Nur was passiert eigentlich, wenn der Autor eines Fotos gar nicht existiert? Wenn keine eindeutige Intention vorhanden ist? Wenn die Realität als Bezugspunkt nicht überprüfbar ist? Und wenn Assoziationen aus einem rein maschinellen Algorithmus heraus entstehen? Mit einem spannenden Verwirrspiel aus digitaler Realität und analoger Virtualität hinterfragt Viktoria Binschtok gewohntes Sehverhalten und materialisiert die Bilderflut des Internets beziehungsweise entmaterialisiert die Wirklichkeit. C/O Berlin hat drei ihrer Serien ausgewählt, die exemplarisch ihren künstlerischen Ansatz verdeutlichen.

Für ihre Serie Globen ersteigerte Viktoria Binschtok im Jahr 2002 mehrere Erdkugeln im Internet, die sie zusammen mit den entsprechenden Bildern ausstellt, mit denen die Objekte von privaten Anbietern online beworben wurden. Nur bleiben die Globen unausgepackt in Kartons. Ein Foto verweist zwar auf das jeweilige Original, der reale Bezug ist jedoch nicht nachprüfbar. Mit dieser Arbeit veranschaulicht die Künstlerin das grundlegend komplexe Verhältnis zwischen fotografischer Repräsentation und Wirklichkeit. Zudem überführt sie die aus dem Internet recherchierten Globen durch den Akt des Erwerbs in den realen Raum, wobei die letzte Stufe der Materialisierung durch das Nichtöffnen der Pakete ausbleibt. Viktoria Binschtok zeigt damit das allgemeine Phänomen unserer digitalen Zeit auf – ein Großteil der Realität erfolgt nur noch durch die Rezeption ihrer Abbilder.

In World of Details nutzt Viktoria Binschtok als Ausgangsmaterial für eigene Bilder Aufnahmen von Google-Street-View. Diese autorenfreien, digitalen Automatenbilder zeigen zwar einen spezifischen Ort, verlieren jedoch bei Vergrößerung jegliche Tiefe. Mit eigenen Fotos versucht sie, in die Oberfläche der abgebildeten Städte einzutauchen und die Verpixelung zu überwinden. Dafür reiste sie an die Orte der Referenzfotos, um sich ihre eigene Bilder zu machen – eine Überwindung der Distanz und physische Annäherung an die Abbilder. Mit dem Gegenüberstellen ihrer Fotografien und der anonymen Google-Aufnahmen in Schwarz-Weiß überführt sie diese in die materielle Welt und präsentiert zwei Sichtweisen auf ein und den selben Ort. So ist der Betrachter gefordert, aus beiden Bildteilen sein eigenes, logisches Ganzes zusammenzusetzen. Ist das wirklich derselbe Tatort? Was ist eigentlich das Original? Liegt eine Inszenierung vor?

Für ihre neueste Serie Cluster nimmt Viktoria Binschtok ein beliebiges Foto aus ihrem Archiv als Ausgangspunkt, das sie in die Bildsuche im Internet einspeist. Der Algorithmus sucht aus den unzähligen Bildern des World Wide Webs diejenigen heraus, die dem hochgeladenen Original in Form, Farbe und Struktur ähneln – eine binäre Assoziation. Das gefundene Material nutzt Viktoria Binschtok wiederum als Vorlage für neue, nachinszenierte Fotografien, die sie in Bildfamilien einteilt. Durch das Re-Fotografieren löscht sie alle Hinweise auf die Herkunft der Bilder aus. So stellen die Cluster jeweils exemplarisch das nicht fassbare Nebeneinander der uns umgebenden Bildwelt verdichtet dar. Der Ursprung, das Original und das singuläre Bild spielen in dieser Zusammenstellung keine Rolle mehr – konkrete Abgrenzungen und Einordnungen laufen ins Leere. Eine Endlosschleife. 



Erstmals in Deutschland präsentiert C/O Berlin eine umfassende Ausstellung zum Gesamtwerk von Viktoria Binschtok. Die Ausstellung wurde von Ann-Christin Bertrand kuratiert.

> Zur Ausstellung ist ein Reader erschienen mit Texten von Charlotte Cotton, Joshua Chang, Matthias Harder und Laurel Pta. 

Viktoria Binschtok, geboren 1972 in Moskau, aufgewachsen in Minden/Westfalen, studierte künstlerische Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und war Meisterschülerin bei Prof. Timm Rautert. Ihre Arbeiten wurden national und international ausgestellt – unter anderem im Museum Folkwang Essen, dem Kunstverein Göttingen, im Centre Pompidou Metz, der Kunsthalle im Lipsiusbau Dresden, im Pier 24 San Francisco, der Schirn Kunsthalle Frankfurt, bei Arts Santa Monica Barcelona, der Bergen Kunsthall Norwegen, im Frankfurter Kunstverein und bei Les Rencontres d‘Arles. Viktoria Binschtok lebt und arbeitet in Berlin.

Mit der Ausstellungsreihe Thinking about Photography schafft C/O Berlin ein für Berlin vollkommen neues Format und legt bewusst den Fokus auf aktuelle Tendenzen der zeitgenössischen Fotografie. Seit jeher war die Fotografie ein stark durch technische Entwicklungen beeinflusstes Medium, welches in der noch relativ jungen Fotografiegeschichte zu konstanter Weiterentwicklung und Veränderung des Mediums geführt hat. Seit der Digitalisierung ist die Fotografie erneut in einem Transitionsprozess begriffen, dessen Auswirkungen und Folgen erst langsam sichtbar werden und somit auf internationaler Experten- und Künstlerebene seit einigen Jahren intensiv diskutiert werden. „Thinking about Photography“ gibt zukünftig mit bis zu drei Ausstellungen pro Jahr Anlass, über neue Tendenzen und künstlerische Entwicklungen innerhalb des Mediums Fotografie zu reflektieren. Neue Produktions-, Wahrnehmungs-, und Präsentationsformen werden dabei in den Fokus gerückt, um stärker auch die Zukunft des Mediums im Blick zu haben.