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Lore Krüger . Ein Koffer voller Bilder

Fotografien von 1934 bis 1944

Magdeburg, London, Mallorca, Barcelona, Paris, Marseille, Trinidad, New York, Wisconsin, Berlin – Stationen einer abenteuerlichen Flucht. Eine bewegende, existenzielle Odyssee Mitte des 20. Jahrhunderts. Die deutsch-jüdische Fotografin Lore Krüger erlebt und überlebt Emigration, Widerstand, Verhaftung, Internierungslager, Verfolgung und Exil nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und während des Zweiten Weltkrieges. Ihre Kamera hat sie immer dabei. So erschafft sie einzigartige, historische Dokumente zwischen intimen Privatfotografien, Auftragsarbeiten, Sozialstudien und abstrakten, fotografischen Experimenten. Ihre beeindruckenden Bilder geben nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben europäischer Intellektueller im Exil, sondern auch einen seltenen, persönlichen Blick auf die politischen Ereignisse jener Zeit – jenseits schon bekannter fotojournalistischer Reportagen oder Propagandabilder der jeweiligen Kriegsparteien. Die Entdeckung des fotografischen Nachlasses Lore Krügers ist ein Glücksfall, der anhand ihres Schicksals einen neuen und unmittelbaren Zugang zur Zeitgeschichte ermöglicht.

Lore Krügers Fotografien sind dabei stark geprägt von der im Kontext des Bauhauses entstandenen Strömung des sogenannten Neuen Sehens, aber auch von den damaligen künstlerischen Strömungen wie Kubismus, Dadaismus und Surrealismus. Sie gehört in Paris zu den Künstlern, die die fotografische Bildsprache vom rein reproduzierenden zu einem produzierenden Medium zu erweitern suchten. Als Schülerin der großen Fotografin und Bauhaus-Absolventin Florence Henri erlernt Lore Krüger in Paris das fotografische Handwerk sowie den freien, experimentellen Umgang mit diesem Medium. So experimentiert sie im Labor mit der Technik der Montage, des Fotogramms und der Mehrfachbelichtung. Schnell macht sie sich jedoch von den reinen, ästhetischen Studioaufnahmen ihrer Lehrerin unanhängig und wendet sich dem realen Leben auf der Strasse zu. So entstehen unter anderem die Serie „Gitanes“ im Wallfahrtsort Saintes-Maries-de-la-Mer und soziologische Reportagen über Provinz, Arbeiter und Bourgeoisie in Frankreich.

Nicht mehr nur Muse oder Modell sondern selbst Künstlerin – Lore Krüger steht mit ihrer Arbeit zudem für die neue, emanzipierte Stellung der Frau innerhalb der Avantgarde der 1930er und 1940er Jahre. Neben Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Hannah Höch, Florence Henri oder Claude Cahun gilt Lore Krüger mit ihren Fotografien als Pionierin der Bildenden Künste. Hinzu kommt ihre starke Politisierung durch die Ereignisse in Deutschland und ihre Erfahrungen im Exil. Sie hat regen Austausch mit den Intellektuellen der Zeit – Anna Seghers, László Radványi, Walter Benjamin und Alfred Kantorowicz. Zudem ist sie in New York aktiv an der Gründung der antifaschistischen Exilzeitschrift „The German American“ beteiligt, in der viele bekannte Schriftsteller veröffentlichen.

C/O Berlin präsentiert weltweit als erste Institution eine große Retrospektive von Lore Krüger. Die Ausstellung umfasst ca. 100 schwarz-weiße Originalabzüge sowie weitere Exponate wie Bücher und zeithistorische Dokumente. Mit dieser Werkschau schließt C/O Berlin an eine Reihe von Ausstellungen an, in denen bisher unveröffentlichte Arbeiten gezeigt wurden – wie etwa Jerry Berndt (2008), Fred Herzog (2010) und Anja Niedringhaus (2011).

Lore Krüger, 1914 in Magdeburg geboren, geht mit 19 Jahren als Au-Pair nach London und macht hier erste fotografische Versuche. 1934 wird ihre Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien nicht verlängert, so dass sie zu ihren nach Mallorca geflohenen Eltern zieht. Im gleichen Jahr reist sie nach Barcelona und fängt eine Ausbildung als Fotografin an. Diese führt sie 1935 bei Florence Henri in Paris fort, beginnt als professionelle Fotografin zu arbeiten und wirkt im Kreis der großen Fotografinnen der Weimarer Zeit mit. In den folgenden Jahren beteiligt sie sich aktiv an politischen Aktionen gegen die Nationalsozialisten und an ersten Hilfsaktionen für die Spanienkämpfer. 1940 wird sie in das Internierungslager Gurs an den Pyrenäen deportiert. Nach Monaten wird sie freigelassen und flieht Richtung Toulouse mit dem Vorhaben, über Marseille nach Mexiko auszuwandern. 1941 erhält sie zuammen mit ihrer Schwester Gisela und ihrem späteren Mann Ernst Krüger ein Visum für Mexiko und die USA und kann auf einem Frachter Europa verlassen. Vor der mexikanischen Küste wird dieser jedoch von der holländischen Armee gekapert, die Insassen in ein britisches Internierungslager auf der Insel Trinidad eingeliefert. Statt nach Mexiko emigriert Lore Krüger mit ihrer Familie in die USA und heiratet 1942 in New York. Im selben Jahr gründet sie die „German American Emergency Conference“ und deren Zeitschrift „The German American“ mit. Im Exil arbeitet sie in erster Linie als Dolmetscherin und Übersetzerin. 1946 kehrt sie mit ihrer Familie nach Ostberlin zurück und arbeitet die folgenden Jahrzehnte im Aufbau-Verlag als Übersetzerin für englische und amerikanische Literatur von R.L. Stevenson, Joseph Conrad, Daniel Defoe, Mark Twain, Doris Lessing, Henry James und anderen. Lore Krüger stirbt 2009 in Berlin.