Sie sind hier

Josef Koudelka

Invasion / Exiles / Wall

> Sonderführung am Freitag, 21. Juli ab 20:30 Uhr

Prag, Wenzelsplatz, 22. August 1968: Ein Arm stößt ins Bild. Die Uhr am Handgelenk zeigt die Zeit an. In den Tagen zuvor waren Panzer des Warschauer Pakts in die Stadt gerollt, mit dem schrillen Geräusch ihrer auf dem Kopfsteinpflaster quietschenden Ketten. Dieses Foto von Josef Koudelka gehört chronologisch zu seiner Serie Invasion, in der er den leidenschaftlichen Widerstand seiner Landsleute gegen die Entschlossenheit der Roten Armee zeigt, die demokratische Flamme des Prager Frühlings mit blutigen Mitteln zu ersticken. Es ist aber auch das erste Foto in seinem Buch Exiles, das zwanzig Jahre später von Robert Delpire herausgegeben wurde.

1968 war ein schicksalsträchtiges Jahr – im Westen wie im Osten. Koudelkas Fotografien hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck dieser historischen Ereignisse und vermitteln jenseits aller Dokumentation eine vibrierende Unmittelbarkeit und Intimität zur Situation und zu den dargestellten Menschen.

Nachdem Koudelka 1970 mit einem drei Monate gültigen Visum aus der Tschechoslowakei ausgereist war, blieb er im Westen und erhielt in England Asyl als politischer Flüchtling. 1971 wurde er Mitglied der Fotoagentur Magnum und zog 1980 nach Paris. Das Exil hat sein fotografisches Werk maßgeblich geprägt und eine seiner wohl wichtigsten wie persönlichsten Arbeiten hervorgebracht. In den zwanzig Jahren, die er ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, nur mit einer Kamera ausgestattet unterwegs war, schuf er zahlreiche Bilder von Landschaften, Menschen und dem Alltagsleben in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Irland mit ihren Traditionen und Riten aus der Vergangenheit. Diese wurden erstmals 1988 in jenem Buch unter dem Titel Exiles veröffentlicht. Für seine jüngste Arbeit bereiste Josef Koudelka zwischen 2008 und 2012 Israel und die Palästinensergebiete und dokumentierte die von Israel im Westjordanland errichtete Mauer sowie israelische Siedlungen. Das Ergebnis war eine Serie mit dem Titel Wall. Den Bau dieser Mauer hatte Israel Anfang der 2000er-Jahre eigenmächtig beschlossen, mit der Begründung, sich damit vor Terroranschlägen zu schützen. Eine neun Meter hohe und heute mehr als 700 Kilometer lange Festung aus Stahl und Beton, Stacheldraht und Bewegungsmeldern – fast drei Mal so hoch und fünf Mal so lang wie die ehemalige Berliner Mauer. Koudelkas Panorama-Aufnahmen der monumentalen Sperranlage sind erneut ein persönliches Projekt des Fotografen, der hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchs und immer wieder zum Thema der Freiheit zurückkehrt.

Koudelkas Schwarz-Weiß-Fotografien sind intim und zugleich einfühlsam. Sein Interesse gilt ethnischen und sozialen Gruppen, die von Vertreibung oder Aussterben bedroht sind und oft auch Koudelkas eigene nomadische Lebensweise spiegeln. Josef Koudelka zählt zu den wenigen herausragenden Fotografen, deren Bilder die Entwicklung der Fotografiegeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch ihren eindringlichen, bewegenden und authentischen Blick entscheidend beeinflusst haben.

Mit Josef Koudelka . Invasion / Exiles / Wall präsentiert C/O Berlin drei wesentliche Schaffensphasen des Magnum-Fotografen, dem damit erstmals nach fast dreißig Jahren wieder eine Ausstellung in Deutschland gewidmet ist. Sie umfasst etwa 120 Fotografien und Projektionen und reicht von der sowjetischen Besatzung seines Heimatlands 1968 bis zu seiner Zeit im Exil und den großformatigen Fotografien der von Israel im Westjordanland errichteten Mauer. Soweit nicht anders angegeben, sind alle Exponate Silbergelatine Modern Prints. Die Ausstellung wurde kuratiert von Xavier Barral in Zusammenarbeit mit Sonia Voss und organisiert in Partnerschaft mit dem Nederlands Fotomuseum in Rotterdam.

Josef Koudelka ist 1938 geboren, Tscheche, eingebürgerter Franzose, lebt in Paris und Prag. 1971 wurde er Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum. Nach einem Ingenieurstudium an der Technischen Universität Prag arbeitete er als Luftfahrtingenieur und fotografierte daneben Theaterproduktionen und Roma in der Tschechoslowakei. Seine Fotoreportage über den Einmarsch russischer Panzertruppen in Prag 1968 wurde im folgenden Jahr mit der Robert Capa Gold Medal ausgezeichnet; als Urheber galt offiziell ein „anonymer Prager Fotograf“. Sechzehn Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, wurden ihm die Fotografien namentlich zugeschrieben. 1970 ersuchte er in England um Asyl und wurde staatenlos. 1975 widmete ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine Ausstellung – im selben Jahr, in dem auch sein Buch Gitans erschien. 1988 folgte Exiles. 1986 beteiligte er sich am DATARProjekt zur Dokumentation der städtischen und dörflichen Landschaften Frankreichs. Er begann mit einer Panoramakamera zu arbeiten, kehrte 1990 zum ersten Mal in die Tschechoslowakei zurück und fotografierte eine der am stärksten zerstörten Landschaften Europas, das sogenannte „Schwarze Dreieck“. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit den Auswirkungen, die heutiges menschliches Handeln auf die Landschaft hat, veröffentlichte er 1999 Chaos. 2006 erschien, unter maßgeblicher Mitarbeit von Robert Delpire, in Frankreich sowie sieben weiteren Ländern das erste retrospektive Buch. 2008 wurde Invasion Prag 68 in zwölf Ländern veröffentlicht. 2011 erschien eine gegenüber dem Originalentwurf von 1968 überarbeitete und erweiterte Ausgabe des Buches Gitans. Im selben Jahr war die Ausstellung Invasion Prague 68 in Moskau zu sehen. Josef Koudelka erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den französischen Grand Prix National de la Photographie (1987), den Henri Cartier-Bresson Award (1991) und den International Center of Photography Infinity Award (2004)